Kleiner Ratgeber für Krimiautoren

Teil 1: Die Idee
Teil 2: Der Aufbau der Geschichte
Teil 3: Figuren und Handlung (Plot)
Teil 4: Die Welt der Geschichte
Teil 5: Über die Gestaltung der Figuren


In diesem kleinen Leitfaden möchte ich meine Erfahrungen beim Erfinden von Geschichten mit Lesern teilen, die sich selbst für das Schreiben interessieren.

Es gibt viele Wege, eine Geschichte zu erzählen. Wie man es macht, hängt unter anderem davon ab, worauf die Geschichte abzielt. Mein Anliegen besteht darin, meinen Lesern ein möglichst eindrückliches Erlebnis zu bieten. Die Geschichte muss den Leser durch so starke Erfahrungen führen, dass er das Gefühl hat, selbst beteiligt zu sein. Die Aufgabe der Sprache besteht darin, dem Leser wirkungsvoll und klar die Geschehnisse zu vermitteln.

Alle Tipps, die ich hier gebe, beruhen auf meiner schriftstellerischen Arbeit. Ich versuche also nicht, die Perspektive über meinen eigenen Erfahrungsbereich hinaus auszudehnen. Ich konstruiere keine Theorie und richte mich auch nicht nach vorhandenen Theorien. Stattdessen betrachte ich das Schreiben auf der praktischen Ebene. Ich beschäftige mich u. a. mit der Form der Geschichte, mit der Szenengestaltung, mit Handlungsschwerpunkten, Rhythmus, auch mit den Hilfsmitteln des Schreibens, und ich erzähle aus meiner Sicht, wie man dafür sorgen kann, dass die Geschichte beim Leser in Fleisch und Blut übergeht, wie man Spannung herstellt und wie die Figuren entstehen.

Es gibt eine Menge von Lehrbüchern für Leute, die schreiben wollen. Darin wird meistens versucht, Regeln aufzustellen. Aber jeder wird verstehen, dass der Begriff "Regel" in diesem Zusammenhang frei interpretiert werden muss. Die Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden. Ich mache es nicht anders, wenn ich meine Geschichten schreibe, und ich hoffe, dass es die Leser dieses Leitfadens ebenso tun werden. Dennoch gibt es Konstanten, gegen die man nicht unnötig angehen sollte, denn wenn man beim Schreiben mit dem Kopf gegen die Wand rennt, leidet man nur selbst.



Teil 1: Die Idee

Wähle eine Idee, die dich zum Schreiben bringt
Entscheidend ist, eine Geschichte zu finden, die man wirklich erzählen will. Das Schreiben eines Buches ist ein langer, mühsamer Prozess, da braucht man genügend Begeisterung, die einen auch durch schwierige Arbeitsphasen trägt. Man muss seine Idee auch dann noch gut finden, wenn man schon 20000 Wörter geschrieben und noch 60000 vor sich hat, wenn man die Geschichte zum vierten Mal neu schreibt und zum fünfzehnten Mal liest, wenn man sich nach der fünften Fassung den Stoß mit den 400 Blättern erneut mit dem Rotstift in der Hand vornimmt, und auf der ersten Seite mit der ersten Zeile anfängt zu korrigieren. Manch eine Idee kommt einem auf Anhieb gut vor, und es juckt einem in den Fingern, sofort mit dem Schreiben zu beginnen - aber dann heißt es: Geduld! Denk gründlich nach, versuche Abstand zu gewinnen und lass dir alles noch einmal durch den Kopf gehen. Für die Beurteilung einer Idee und ihrer Tauglichkeit gibt es zahlreiche Kriterien. Wenn du jemandem den Kern deiner Geschichte erzählen willst und dabei in umständliche Erklärungen gerätst, sollten die Alarmglocken läuten. Der Kern muss für sich stehen können und plausibel sein. Ohne Erläuterungen. Aber wie gesagt, die beste Idee nützt dir nichts, wenn sie keine Elemente birgt, die deine Begeisterung am Leben halten. Bei vielen Hobbyschreibern quellen die Festplatten oder die Schubladen über von unabgeschlossenen Projekten. Wenn du dein Buch zu Ende schreiben willst, dann wähle eine Geschichte, bei der du gar nicht erst auf den Gedanken kommst, auf halbem Weg abzubrechen.

Beurteile, ob deine Idee eine Story in Gang setzen kann
Die eigene Begeisterung für die Geschichte ist absolut umungänglich - wenn sie fehlt, geht gar nichts. Aber die Begeisterung allein reicht auch nicht aus. Die Idee muss das Potenzial haben, die Story in Gang zu setzen und weit genug voran zu treiben. Sie muss das Versprechen einer großen Geschichte in sich bergen. Meistens ahnt man instinktiv, ob diese Seite einer Idee stimmt. Ein paar gezielte Fragen können weiteren Aufschluss bringen: Was für Menschen gehören zu der Geschichte? Welche Spannungen bestehen zwischen ihnen? Was steht für sie auf dem Spiel? Was für Ausmaße kann der Höhepunkt der Story annehmen? Welche Nebenhandlungen werden von der Konstellation nahegelegt? Stehen die Motive im richtigen Verhältnis zu den Taten, die begangen werden? Befinden sich Kräfte und Gegenkräfte ausreichend aber nicht zu sehr im Ungleichgewicht? Und so weiter.

Von der Idee zum Konzept
Am besten formuliert man die Idee in Form eines Konzepts von zwei Sätzen, das trotz der Kürze den Kern der Geschichte und am besten auch die Hauptfigur vorstellt. Schon dieser Entwurf sollte Reibungspunkte enthalten. Er sollte eine Konstellation bieten, die zu einem Konflikt führt, für den wiederum eine Lösung gefunden werden muss. Es gibt auf der Welt zahlreiche, mehr oder weniger gelungene Lehrbücher, die sich allein mit dem Verfassen solcher Entwürfe beschäftigen, denn ein starkes Konzept gilt auch in Hollywood als harte Währung. Einen guten Entwurf zu finden, ist extrem schwer. Und je schwerer etwas ist, um so größeren Wert hat es - im Falle des Gelingens. Ein guter Autor kann ein gutes Konzept nicht kaputt machen, aber auch der beste Autor kann aus einem schlechten Konzept nichts Vernünftiges herausholen. Manchmal taucht der Entwurf auf dem fertigen Buch als Klappentext oder auch in der Werbung für das Buch auf. Aber das ist nicht allzu oft der Fall, denn unter Umständen verrät das Konzept zu viel über die Geschichte. Was für den Autor der Kern der Geschichte ist, ist nicht von Anfang an auch das zentrale Moment für den Leser. Wenn du schreibst, hilft es dir aber trotzdem, wenn du deinen Entwurf auch aus dieser Perspektive überdenkst. Was verrätst du über die Geschichte? Wie lautet der Satz, mit dem du den Kern der Geschichte wiedergeben willst? Wenn du einen interessanten Entwurf für deine Geschichte formuliert hast, schadet es nicht, wenn du ihn an den Anfang deines Begleitschreibens an den Verlag stellst. In den Büros der Lektoren stapeln sich die Manuskripte. Von diesen schiefen Türmen aus Papier willst du dich abheben. Die beste Methode besteht darin, gleich unmissverständlich zu signalisieren, dass du eine starke Story zu bieten hast. Daran ist jeder Lektor interessiert. Noch besser, wenn sie gut geschrieben ist, aber die Story ist das Wichtigste. Solltest du Schwierigkeiten haben, dem Kern der Geschichte Gestalt zu geben, denk noch einmal nach. Oft genügt es, den Fokus anders einzustellen oder eine andere Perspektive zu wählen, aber es kann natürlich auch sein, dass der Fehler tiefer liegt. Je früher du ein Problem löst, um so mehr überflüssige Arbeit ersparst du dir.

nach oben




Teil 2: Der Aufbau der Geschichte

Wenn die Idee funktioniert, entwickelt sich die Geschichte zunächst wie von selbst. Ein Entwurf von wenigen Sätzen gleicht dem Rasierschaum, der mit Treibgas in die Spraydose gepresst wurde und aufquillt, sobald man ihn frei lässt. Deine Aufgabe besteht darin, die Geschichte zu lenken und ihr eine Form zu geben.

Ein guter Entwurf ist Karte und Kompass zugleich, Ausgangssituation und Richtung sind darin bereits enthalten. Aber mindestens ebenso wichtig ist der Aufbau, die Konstruktion, die Struktur.

Im traditionellen dramatischen Erzählen trifft die Hauptfigur auf ein Problem, aus dem sich eine Krise entwickelt. Diese verschärft sich zum Höhepunkt hin, welcher die Krise auf befriedigende Weise löst. Die Bücher von Ernest Hemingway, Charles Dickens, John Le Carré oder Gustave Flaubert sind so konstruiert - aber auch die von John Grisham, Ken Follett, Stephen King und Michael Crichton.

Dieses Muster ist ein altes Erbe und geht bis auf Aristoteles und die uralten Volkserzählungen zurück, denn es bietet ein probates Mittel, um bei den Zuhörern Reaktionen zu bewirken. Eine universale Kraft liegt in dieser Methode. Sie wirkt auf uns, unabhängig von Kultur oder Epoche. Sogar die Romane von W.G. Sebald zielen in diese Richtung, obwohl sie eine ganz eigene Struktur besitzen, in der sich Reisebericht und Essay mischen.

In verdichteter Form präsentiert, kann dieser Aufbau eines Romans mechanisch und simpel wirken. Aber nur auf den ersten Blick. Man darf nicht vergessen, dass der Gegenpol in einer Geschichte nicht unbedingt ein Gauner sein muss, der mit der Waffe herumfuchtelt. Der Widerpart, so zu sagen die Reaktionskraft, kann auch in einem Charakterzug der Hauptfigur bestehen. Entscheidend ist es, Reibung und einen Konflikt entstehen zu lassen. Das ist der Kern von Drama und Spannung. Gleichgewicht und Harmonie sind nicht interessant, Unstimmigkeiten sind es.

Den Aufbau der Geschichte zeichnet man sich am besten auf Papier, denn das visuelle Erfassen erleichtert das Arbeiten. Ich fertige normalerweise zwei verschiedene Schemata an: einen Figurenplan und einen Handlungsplan.

Den Mittelpunkt des Figurenschemas bildet ein Kreis, der für die Hauptfigur steht. Von dort aus gehen strahlenförmig Linien zu den anderen Figuren aus. Zu je mehr Personen die Hauptfigur in Beziehung steht, umso besser ist es. Durch unterschiedliche Linientypen kann man leicht den Charakter des jeweiligen Verhältnisses andeuten: scharf gezackt, weich geschwungen, schwach und unterbrochen. Figuren oder Elemente, die Gegenkräfte darstellen, bilden eine eigene Gruppe.

Das Zentrum des Handlungsschemas wiederum ist eine horizontale Linie, auf der ich chronologisch zuerst die Handlungskoordinaten (oder Handlungsschwerpunkte) und die Struktur der Makroebene, also die zentralen Ereignisse des ersten, zweiten und dritten Teils eintrage. Danach füge ich die einzelnen Szenen hinzu und prüfe die Dramaturgie der Geschichte: den Entwicklungsbogen von Plot und Hauptfiguren, das Einblenden von Nebenhandlungen, das Wachsen und Steigern der Spannung, den Rhythmus, den ausgewogenen Wechsel von ruhigeren Passagen und Action.

In dieser Phase lassen sich gut Fehler erkennen und Korrekturen vornehmen. Anschließend beginnt die Arbeit am eigentlichen Gerüst der Geschichte, am Szenenverzeichnis und an der Figurengestaltung.

nach oben




Teil 3: Figuren und Handlung (Plot)

Das Gerüst der Geschichte ist die Basis, auf der alles andere beruht. Womöglich hat die Idee für das Buch ihren Anfang bei einer Situation genommen, in die die Hauptfigur gerät, aber wenn man einfach eine Figur in die Welt setzt, ohne sie in eine Struktur einzubinden, kommt man im Schreibprozess nicht voran.

Das gilt auch für den Plot. Der Plot ist die Kette der Ereignisse, die zusammen mit den Figuren die Geschichte in Bewegung hält. Ohne Handlung gibt es keine Figuren und ohne Figuren keine Handlung. Beide bauen aufeinander auf.

Bei den alten Klassikern von Dostojewski bis Flaubert gibt es eine klare, weiter führende Handlung und glaubwürdige, interessante Figuren. In einigen Büchern kann der Schwerpunkt mehr auf der Handlung liegen, andere Bücher sind mehr figurenzentriert. Keine der beiden Varianten ist an sich besser als die andere. Wenn eine Geschichte viele Geschehnisse beinhaltet, ist es unter Umständen einfach nicht möglich, sich in besonderer Ausführlichkeit auch mit den Figuren zu beschäftigen.

Aber es geht natürlich nicht um ein Nullsummenspiel. Die Figuren nehmen am effektivsten Gestalt an, wenn sie handeln, wenn Dynamik da ist. Eine Person ist so viel wie die Entscheidungen, die sie trifft. Wenn die Hauptfigur an einen Unfallort kommt, wo gerade ein Bus voller Insassen in Flammen aufgegangen ist - was tut sie dann? Ihre Entscheidung vermittelt dem Leser ein Bild davon, was sie für ein Mensch ist.

Diese Entscheidungen brauchen keine dramatischen Fragen um Leben und Tod zu sein. Alltägliche Dinge erzielen denselben Effekt. Schon wenn zwei Menschen zusammen essen, kann das viel über sie verraten, auch wenn die Figuren mit keinem Satz in ihrem Aussehen und Verhalten beschrieben werden. Macht der Vegetarier aus seiner Ernährung eine große Nummer, oder lässt er einfach ohne viele Worte das Fleisch weg, wenn er sich am Buffet den Teller füllt? Wie reagiert eine Person auf ein Missgeschick des Kellners? Oder auf ein schreiendes Kind am Nebentisch?

Das uralte Axiom, man solle die Dinge zeigen, wie sie sind und nicht um sie herum reden, trifft sehr wohl zu. Aber in einer Geschichte, die ohnehin schon vollgepackt ist, kann es ab und zu klug sein, einfach zu sagen, "er war unzuverlässig", anstatt umständlich eine Szene zu konstruieren, die das Faktum durch Handlung anschaulich macht.

Das Gleiche gilt für den Gebrauch von Stereotypen. Einer verschlungenen Geschichte zu folgen kann für den Leser sehr anspruchsvoll (und gleichzeitig lohnend) sein. Darum (oder auch: trotzdem) ist es manchmal sinnvoll, ihm die Last etwas zu erleichtern, indem man die Nebenfiguren nach allgemeinen Vorstellungen gestaltet. Wenn man immer entgegen den Erwartungen vorgeht, bekommt man vielleicht originelle Figuren, aber den Leser kostet es dann spürbar mehr Energie, den Text zu verarbeiten.

Für die Leseerfahrung ist es wichtig, die Figur in die Handlung einzubinden, aber für das Schreiben ist es ebenso wichtig. Die Figur muss mit der Geschichte wachsen, sie muss sich in irgendeine Richtung entwickeln, sich so verändern, dass das Interesse von Leser und Autor gewahrt bleibt. Wenn die Hauptfigur am Ende des Buches genauso ist wie am Anfang, stimmt etwas nicht.

Ich teste meine Figuren mit einer sehr einfachen Methode. Ich frage mich schlicht, ob es interessant wäre, sie im wirklichen Leben kennen zu lernen. Wenn ich meinen Bekannten etwas über sie erzählen würde, was würde ich ihnen sagen? Wenn eine Person auf den Seiten des Buches langweilig erscheint, wie kann ich dann erwarten, dass die Leser sich in ihrer Gesellschaft wohl fühlen - oder dass ich selbst die Energie aufbringe, über sie zu schreiben?

Wie beim Planen der Geschichte, braucht man auch beim Kreieren der Figuren Reibungsflächen, Ecken und Kanten und Wendepunkte. Die zwischenmenschlichen Beziehungen müssen die Welt und den Ton der Geschichte widerspiegeln. Ein Konflikt ist immer interessanter als freudestrahlendes Glück - vor allem dann, wenn man über den Konflikt genau dieses Glück zu erlangen versucht.

nach oben




Teil 4: Die Welt der Geschichte

Die Handlungsorte eines Buches sind wichtiger als man auf den ersten Blick glauben würde. Sie vermitteln Atmosphäre, helfen, Glaubwürdigkeit zu erzeugen und steigern das Interesse.

Zu den großen Entscheidungen, die die gesamte Geschichte betreffen, gehört nicht zuletzt, in welchem Land die Ereignisse spielen. Manchmal wird das automatisch von der Handlung diktiert, in anderen Fällen wiederum hat man fast die freie Auswahl. Auf die gleiche Weise muss darüber entschieden werden, wo die Figuren wohnen, wo sie arbeiten und wo alle anderen Handlungsorte angesiedelt sind. Charakter, Herkunft und Hintergrund der Menschen bestimmen, welche Färbung ihre nähere Umgebung erhält. Ich balanciere dabei zwischen Glaubwürdigkeit und Attraktivität. Das Gewöhnliche ist glaubwürdig, aber langweilig. Das Originelle wiederum ist interessant, gerät aber allzu leicht unglaubwürdig.

Bei der Milieuschilderung ist es wichtig, einige konkrete Wahrnehmungen zu bieten. Durch sie entsteht die spezifische Atmosphäre des jeweiligen Orts. Ich bemühe mich, statische Beschreibungen ("das Zimmer war unaufgeräumt") zu vermeiden und stattdessen über Handlungsmomente von der Umgebung zu erzählen ("er schlängelte sich zwischen den überall herumliegenden Sachen hindurch").

Man sollte versuchen, dabei mit wenigen Worten auszukommen. Je weniger Wörter, desto besser. Wichtig sind solche Beschreibungen, die in verdichteter Form möglichst viel aussagen. Wenn ich schreibe: "Die sonnenverbrannten Hände des Mannes griffen nach dem Koffer", erzähle ich gleichzeitig etwas über den Mann - er hält sich viel im Freien auf, macht vielleicht körperliche Arbeit, und eventuell ist er kein erfahrener Reisender. Eine gute Beschreibung legt nur die Spitze des Eisbergs frei und überlässt den Rest der Phantasie des Lesers.

Das gilt auch für den Umgang mit Details. Ich versuche lieber eine konkrete Einzelheit zu finden, anstatt mich in wortreichen Schilderungen zu verlieren. Je visueller und konkreter diese Einzelheit ist, umso besser. In ihr soll sich ein Ort oder eine Person möglichst treffend widerspiegeln. Auch hier sollte man nach außergewöhnlichen Details, die im Gedächtnis haften bleiben, Ausschau halten, aber Vorsicht vor Unglaubwürdigkeit! Es wäre außergewöhnlich, eine alte Oma in einen Ferrari zu setzen, aber wie glaubwürdig wäre das?

Das Prinzip beim Schreiben von Wahrnehmungen und Details ist einfach: Jede Einzelheit muss für die Geschichte von Bedeutung sein, muss etwas zur Figurengestaltung oder zur Atmosphäre beitragen und gewissermaßen unterschwellig Information transportieren. Das betrifft die Schilderung von Gegenständen ebenso wie das Wetter. Jede Szene hat ihre eigene Stimmung, und die versuche ich mit verschiedenen Mitteln zu erreichen. Zum Beispiel kann die Anspannung der Hauptfigur, die sich allein im Haus des Mörders befindet, durch die Dunkelheit oder durch den Regen, der aufs Dach prasselt und verhindert, dass man andere Geräusche hört, stärker betont werden.

Allerdings darf der Regen dann nicht überraschend einsetzen. Vielmehr muss in früheren Szenen der ursprünglich schöne Tag in einen drückend schwülen Abend übergegangen sein, bis sich so viele Wolken am Himmel angesammelt haben, dass es anfängt zu regnen. Das Durchschnittliche ist bei der Gestaltung von Atmosphäre nicht sonderlich dramatisch, darum lieber heftiger Regen, sodass die Dachrinnen überlaufen, das Wasser im Rinnstein die Straße hinunter schießt, und die Bürgersteige leer werden, weil alle Leute in die Häuser fliehen.

Mit der alltäglichen Routine verhält es sich nicht anders. Auch sie sollte betont routiniert sein. Der Leser bemerkt die Hinweise und wartet schon darauf, dass etwas Überraschendes passiert. Dieses Mittel wird gern im Film eingesetzt: eine stille Vorortsiedlung, in der Ferne das Kreischen von Kindern auf einem Spielplatz, die Kamera folgt langsam einem Mann, der zu Fuß geht und den Koffer in seiner Hand fester umklammert als es nötig wäre...

Der Effekt einzelner Wörter kann enorm sein, und darauf sollte man setzen. Wenn ich einen Thriller schreibe, der in der Zeit des Zweiten Weltkriegs spielt, rufe ich im Zusammenhang mit einem Handlungsmoment dem Leser das Ambiente der damaligen Zeit in Erinnerung: "Marc legte seinen Filzhut auf den Beifahrersitz und schaltete die gelben Lichter an seinem Citroën ein. Er fuhr nach Süden, in Richtung Genfer See. Kleine Schottersteine prasselten gegen den Unterboden und die Trittbretter des Wagens."

Oder: "Zwischen den Aufnahmen mit klassischer Musik steckten auch ein paar neue amerikanische Jazz-Platten. Mit routinierten Bewegungen nahm Anna eine der Schellackplatten aus der Papierhülle und legte sie auf den Plattenteller des Grammophons. Gleich darauf perlten die dunklen Töne von Coleman Hawkins' Tenorsaxophon aus dem großen Lautsprecher."

Es macht ziemlich viel Arbeit, sich lebendige Wahrnehmungen auszudenken, denn auf jeder Seite stehen zig Sätze, und ein Buch hat hunderte von Seiten. Trotzdem ist das der einzige Weg, den Leser dazu zu bringen, auf vertraute und sichere Weise in die phantastische Welt der Geschichte einzutreten, in der Dinge geschehen, die im wirklichen Leben nicht möglich sind.

nach oben




Teil 5: Über die Gestaltung der Figuren

Die Figur in einer Geschichte ist identisch mit dem, was sie tut. Seine Taten machen den Menschen zu dem, was er ist. Auf diesem Weg entsteht eine Figur wie von selbst und fügt sich auf natürliche Weise in die Geschichte ein. Wenn man sich fragen muss, ob man zuerst die Handlung entwickeln und sich dann die passenden Figuren dazu ausdenken soll, stimmt etwas nicht. Ebenso hoffnungslos ist die Lage, wenn man für eine gute Figur eine Geschichte erfinden muss. Beides gehört untrennbar zusammen.

Die Figuren fangen also durch das, was sie tun, an zu leben. Zu den Taten führen wiederum Entscheidungen. Indem sie Entscheidungen trifft, bringt die Figur zum Ausdruck, was sie ist. Auch kleine Entscheidungen erzählen viel, große umso mehr. Szenen, in denen die Hauptfigur eine Entscheidung treffen muss, sind Knotenpunkte der Handlung. Sie geben der Geschichte eine neue Richtung. Hier lautet meine Empfehlung: Sieh zu, dass die Richtung überraschend ist. Am besten, sie widerspricht den Erwartungen des Lesers - und der Hauptfigur selbst.

Hinter den Entscheidungen und Taten einer Person steht ein Motiv. Dieses kann unmittelbar nach der Tat zu Tage treten, aber oft geschieht das erst wesentlich später und nach und nach. Man sollte Motive nicht zu leicht verraten, sondern dem Leser die Gelegenheit geben, seine eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen. Ein komplett vorgekauter Text ist nicht interessant. Andererseits kann zu viel Verdunklung den Leser auch ermüden.

Das Motiv muss im richtigen Verhältnis zu den Taten stehen. Wenn hier ein Missverhältnis vorliegt, wird es melodramatisch oder unfreiwillig komisch. Wer eine Wurst klauen will, gräbt keinen Tunnel bis unter den Schnellimbiss, sondern schlägt kurzerhand die Scheibe ein.

Das Motiv entspringt der Herkunft bzw. dem Hintergrund einer Person. Man sollte diesen Hintergrund nicht in schwerfälligen, biographischen Abteilungen ausleuchten, sondern allmählich innerhalb der fortlaufenden Geschichte enthüllen. Allerdings muss der Autor von Anfang an wissen, was für ein Biographie seine Figur hat. Am klügsten ist es, sie komplett aufzuschreiben. Man sollte dem Leser nicht annähernd sämtliche Einzelheiten erzählen, aber diese Details wirken hinter den Kulissen und sind bei der Gestaltung des unsichtbaren Gewebes behilflich, das die Geschichte zusammenhält.

Die Oberfläche einer Figur besteht aus ihren Gewohnheiten, ihren Fähigkeiten, ihrem Geschmack, ihren Vorlieben, ihrem Aussehen. Normalerweise ist das alles nicht sonderlich interessant. Interessant wird es erst, wenn die Ansichten und Werte der Figur in Konflikt mit einer äußeren oder inneren Kraft geraten. Was kann im Leben der Figur schief gehen? Wer leidet am meisten unter einer Situation? Was ist das Schlimmste, das diesem Menschen passieren kann? Und welche Folgen wird es haben? Das alles sind Basisfragen, um die herum alles andere aufgebaut wird.

Und was ist das Wichtigste von allem? Am wichtigsten ist es, auf der emotionalen Ebene eine Verbindung zwischen dem Leser und der Figur herzustellen. Wenn diese Bindung nicht entsteht, kann auch die temporeichste Action den Leser nicht zufrieden stellen. Und was noch schlimmer ist: du selbst verlierst die Lust am Schreiben.

nach oben