Wie meine Bücher entstehen
Es ist schwer zu sagen, wo die Geschichten ihren Anfang nehmen. Manchmal kann eine kleine Meldung in der Zeitung den Funken auf die Phantasie überspringen lassen, manchmal ist es das Schicksal eines Menschen, das mein Interesse weckt oder auch eine faszinierende Umgebung. Die Idee ist extrem wichtig - nicht nur im Hinblick auf die Qualität des Endresultats, sondern auch damit das Buch überhaupt fertig wird. Eine funktionierende Idee zwingt mich geradezu zum Schreiben. Umgekehrt könnte ich mir nicht vorstellen, ein Buch zu Ende zu bringen, bei dem die Begeisterung nicht den ganzen langen Prozess über anhält.
Wenn ich eine Idee habe, schaue ich sie mir zunächst lange an. Ich überlege mir verschiedene Varianten, mit ihr umzugehen, unterschiedliche Hauptfiguren und vor allem, ob die Idee auch tatsächlich eine Geschichte hergibt, die es zu schreiben und zu lesen lohnt.
Die Recherche
Wenn der Kern der Geschichte klar ist, fängt die Hintergrundrecherche für die Konstruktion an. Je nach Thema vertiefe ich mich dafür in die verschiedensten Dinge. Bei der Recherche stoße ich unter Umständen auf Erkenntnisse, die der Geschichte eine Schub in eine neue, unerwartete und interessante Richtung geben. Andererseits kann es gerade am Anfang zu viel Zeit in Anspruch nehmen, wenn man durch allzu große Materialfülle watet, denn erst wenn sich die Geschichte entwickelt, ergeben sich konkrete Fragen, die nach einer Antwort verlangen.
Die fruchtbarste Methode, sich Informationen zu beschaffen, ist das Gespräch mit Experten, aber die Basisarbeit mache ich selbst mit Hilfe schriftlicher Quellen. Wenn ich ein Gesamtbild des Themenbereichs gewonnen und die Geschichte konzipiert habe, kann ich mich auf die wesentlichen Fragen konzentrieren.
Ein Teil der Recherche besteht darin, sich an den echten Orten des Geschehens umzusehen. Dann benutzte ich die Digi- oder Videokamera und ein Diktiergerät. Am effektivsten und schönsten ist es, das jeweilige Ambiente dann aufzusuchen, wenn das Gerüst der betreffenden Szene schon geschrieben steht.
Mit der Recherche und den Nachforschungen muss man zum richtigen Zeitpunkt aufhören können, sonst wird das Buch nie fertig. Ich neige dazu, mich bei der Materialsuche vor meinem Archiv mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln oder in den Tiefen einer Bibliothek zu verlieren, aber oft macht das nicht nur Spaß, sondern ist auch nützlich - in völlig unerwarteten Quellen findet man manchmal etwas, das die Geschichte in interessanter Weise voran bringt.
Die erste Fassung
Wenn die Geschichte steht, ist es an der Zeit, ein Gerüst für das Buch zu schreiben. Das Gerüst gleicht einem Inhaltsverzeichnis der Ereignisse. Es umfasst von jeder Szene so viel Inhalt, dass ich mir vorstellen kann, wie die Geschichte verläuft.
Das Erstellen des Gerüsts ist eine wichtige Arbeitsphase, denn dann stellt sich heraus, wo die Schwachpunkte der Geschichte liegen, wann die Spannung nachzulassen droht, wo es sinnvoll ist, eine Nebenhandlung einzuschalten und wo man besser beim Hauptstrang bleibt, welcher Ort die wesentliche Information vermittelt usw.
Dann beginnt das eigentliche Schreiben. Die Szenen wachsen von wenigen Zeilen zu dem Umfang an, der nötig ist, um die Geschichte zu transportieren. Hauptsächlich gehe ich chronologisch vor, aber manchmal kann ich nicht abwarten, sondern schreibe eine faszinierende Szene vorab. Bisweilen rächt sich diese Ungeduld, nämlich dann, wenn sich die Geschichte ändert und die ganze Szene gar nicht mehr gebraucht wird oder sich ihr Inhalt wesentlich ändert.
Ich versuche die erste Fassung möglichst schnell zu schreiben. In dieser Phase bleibt ein Teil der Szenen dünn, manchmal enthalten sie nichts als Dialog. Andere Szenen wiederum schreibe ich von Anfang an detaillierter und genauer, je nach dem, ob mir z. B. der Ort des Geschehens bekannt ist.
Die Geschichte ändert fortwährend ihre Gestalt: manche Szenen fallen weg, andere kommen hinzu, einige Figuren fangen an stärker zu leben als geplant und erhalten größere Bedeutung, andere verschwinden mitunter völlig im Hintergrund.
Auch am Plot wird ständig gefeilt - unter Umständen tun sich überraschende Lücken auf, die ich vorher nicht bemerkt habe, oder es ergeben sich fruchtbare Wendungen, um die herum sich interessante Elemente kristallisieren.
Die folgenden Fassungen und das fertige Manuskript
Interessant ist es, Reaktionen auf die erste Fassung zu bekommen. Obwohl die Geschichte noch in vielerlei Hinsicht Mängel hat, kann ich doch einschätzen, was an den Reaktionen mit der Unvollständigkeit des Textes zu tun hat und was nicht.
Am wichtigsten sind ganz spontane Kommentare: wie man die Geschichte findet, wie sie losgeht, ob das Interesse wach bleibt, in welchem Zustand einen die Geschichte zurückläßt, ob die Figuren neugierig machen, ob man sie gut genug kennen lernt.
Natürlich ist es schön, Lob zu hören, aber interessanter ist es, sich auf die problematischen Punkte zu konzentrieren. Wenn ein Leser eine bestimmte Passage seltsam oder unglaubwürdig findet, ein anderer dieselbe Stelle aber hervorragend, muss man sich keine Sorgen machen. Wenn aber mehreren Lesern derselbe Aspekt negativ auffällt, besteht auch für mich Anlass, mir die betreffende Stelle noch einmal genau anzuschauen. Sie muss dann eventuell verdichtet oder transparenter gemacht werden, vielleicht braucht sie auch einen neuen Blickwinkel oder verlangt nach Kürzungen.
Als besonders heikel erweist es sich bisweilen, einen passenden Schluss zu finden. Das Ende muss der Geschichte und den Hauptfiguren gerecht werden. Zum Scheitern verdammt wäre der Versuch, einen Schluss zu finden, der dem Leser zusagt, denn einzig und allein die Geschichte darf das Finale diktieren. Und was ist ein gelungener Schluss? Einer, der überrascht und zum Nachdenken bringt.
Normalerweise vermittelt mir das Feedback ein ziemlich genaues Bild von den schwachen und starken Punkten der Geschichte. Fast immer stimmen die Beobachtungen der Erstleser übrigens mit meiner eigenen Sicht der Dinge überein; es kann nämlich sein, dass ich ein bestimmtes Problem aus Faulheit unter den Teppich gekehrt habe, und nun bringt mich die Leserreaktion dazu, mich endlich darum zu kümmern.
In den nächsten Fassungen vertiefe ich die Geschichte, erweitere die Schauplätze um Einzelheiten und ersetze all die #-, X- und *-Zeichen, die ich überall dort ausgestreut habe, wo Ergänzungen oder Präzisierungen notwendig sind. In den ersten Fassungen achte ich fast ausschließlich auf den Inhalt der Geschichte. Erst später nehme ich auch sprachliche Korrekturen vor.
Wenn die Geschichte einen fertigen Eindruck macht, gebe ich sie meinem Lektor. Er verbeißt sich mit Vorliebe in sprachliche Dinge. Wenn ich das Manuskript dann zurück bekomme und auf der ein oder anderen Seite kein einziges Korrekturzeichen sehe, bin ich sehr besorgt. Dann befällt mich leicht das Gefühl, es könnte nicht alles getan worden sein, um den Text aufzupolieren. Umgekehrt bereitet es mir geradezu masochistisches Vergnügen, wenn ich einen Seitenrand voller Korrekturen sehe.
Im Verlag wird dann der Umbruch gemacht und ausgedruckt. In dieser Phase sehen ich den Text zum ersten Mal so, wie ihn die Leser später auf den Buchseiten vor sich haben. Um Formulierungen oder andere Kleinigkeiten im Text, die Geschmackssache sind, kümmere ich mich jetzt nicht mehr - jedenfalls versuche ich die Finger davon zu lassen.
Bei der endgültigen Abgabe des Umbruchs fühle ich mich jedesmal erbärmlich. Ich werde dann einfach das Gefühl nicht los, dass ich es noch besser hätte machen können. Aber das wäre wahrscheinlich auch dann noch der Fall, wenn ich jahrelang gefeilt hätte ...
