Arbeitstag eines Schriftstellers
Ein regnerischer Montagmorgen. Es ist acht Uhr, und ich sitze am Schreibtisch. Ich habe eine Geschichte in Arbeit und mache dort weiter, wo ich am Freitag aufgehört habe. Manchmal ist das Schreiben wie eine amtliche Tätigkeit mit festen Arbeitszeiten, manchmal nicht. Es gibt Tage, an denen ich mich zum Schreiben fast zwingen muss, weil es mir so viel Mühe macht. Wenn mich dann aber wieder die Leidenschaft packt, schreibe ich mit Volldampf an meiner Geschichte, egal ob es Sonntag oder Werktag, hellichter Vormittag oder tiefste Nacht ist. Diese Stunden sind das Beste, was mir der Schriftstellerberuf bieten kann.
Ich kann mich noch an die Arbeit an meinem letzten Buch erinnern. Es war ein heißer Sommerabend, und ich lebte zeitweise nach einem ganz eigenen Rhythmus. Mehrere Tage lang hatte ich von morgens bis abends buchstäblich ununterbrochen geschrieben. In wenigen Wochen sollte der Text fertig sein, aber ein Problem, das mit dem Schluss der Geschichte zu tun hatte, war noch nicht gelöst. Um wieder klare Gedanken fassen zu können, ging ich joggen und ließ den Schweiß laufen. Anschließend legte ich Musik auf, setzte mich an die Tastatur und begab mich in die Welt der Geschichte. Ich geriet in einen rauschähnlichen Zustand, und der Text wuchs von Stunde zu Stunde.
An einem gewöhnlichen Montagmorgen ist von Rausch weit und breit nichts zu spüren, aber wenn man in der Geschichte vorankommen will, muss man trotzdem etwas zustande bringen. Am schwersten sind die ersten 20000-30000 Wörter. Danach entwickelt die Geschichte allmählich Eigendynamik.
Eine Stunde lang schaffe ich es an diesem Morgen, der Versuchung zu widerstehen, ins Internet zu gehen und einen Blick auf die neuesten Nachrichten zu werfen. Dann mache ich doch einen kurzen Abstecher bei Reuters und AP. Nichts Weltbewegendes.
Schließlich kommt die Arbeit doch in Gang, als ich eine stockende Szene komplett heraus nehme und ich den Übergang zu einer Passage finde, wo die Handlung eine neue Wendung nimmt. Zwei Stunden vergehen im Nu. Um mir den Neuansatz zu erleichtern, breche ich an einer interessanten Stelle ab. Ich mache einen Spaziergang und werfe unterwegs ein paar Briefe ein.
Nach meiner Rückkehr belohne ich mich für die gute Arbeit des Vormittags mit einem Blick auf die Internetseiten von Guardian und New York Times. Allerdings lässt mir meine Geschichte keine Ruhe - ein Indiz dafür, dass sie funktioniert. Darum schreibe ich lieber weiter. Einer Nebenfigur gebe ich das Aussehen eines Mannes, den ich am Tag zuvor im Zug gesehen habe. Allerdings muss ich das Bild aus meiner Erinnerung etwas glätten. Ich muss den Mann gewöhnlicher machen, als er war, damit die Figur nicht unglaubwürdig wirkt.
Schreiben bedeutet, ständig inhaltliche und formale Entscheidungen zu treffen: was für eine Wendung baue ich in die Handlung ein, wo platziere ich eine bestimmte Szene, wie eröffne ich sie, wodurch mache ich die Atmosphäre konkret spürbar, welche Worte wähle ich.
Schon in einer kurzen Schreibphase muss man oder darf man tausend Entscheidungen treffen. Das Universum der Möglichkeiten ist grenzenlos, und man kann über die beste Variante auch zu lange nachdenken. Die Schwierigkeit des Schreibens hat teilweise bestimmt mit der erdrückenden Menge der zu treffenden Entscheidungen zu tun.
Nachdem ich schnell zu Mittag gegessen habe, rufe ich einen Bekannten an, der mir aufgrund seines Berufs in einer Sache helfen kann, die für einen Handlungsaspekt wichtig ist. Die Leute reden gern über ihre Arbeit, und für mich sind alle Berufe interessant.
Danach gibt es kein Ausweichen mehr: ich muss mich an eine der unangenehmsten Beschäftigungen machen, die ich kenne, und ein Stück Text vom Anfang noch einmal neu schreiben. Ich kürze, sorge für mehr Atmosphäre und gebe ein paar Szenen schärfere Konturen. Ich nehme den Stadtplan von Helsinki zur Hand und suche Straßenabschnitte heraus, durch die meine Hauptfigur in der Geschichte fährt. Die entsprechende Szene verschiebe ich in eine gesonderte Datei; ich werde sie in Ordnung bringen, wenn ich das nächste Mal mit Diktiergerät in Helsinki gewesen bin.
Mittlerweile hat sich bei mir eine stattliche Kollektion von Plänen, Broschüren und Führern aus allen möglichen europäischen Städten angesammelt. Auch wenn man die Atmosphäre eines Ortes nicht mit Fakten herstellen kann, helfen die realistischen Details doch beim Schreiben und bringen allerlei Elemente in Erinnerung, die es einem leichter machen, das Ambiente im Text zum Leben zu erwecken.
An diesem Montag spiele ich den pünktlichen Beamten und schließe meine Datei um vier. Anschließend gehe ich eine Runde joggen und genieße es, nur eine einzige Entscheidung treffen zu müssen: welche Runde laufe ich heute im herbstlichen Park. Aber dann sehe ich die Enten im Teich, und ausgerechnet da schießt mir ein überraschender Gedanke in den Kopf: Wie wäre es, wenn die Hauptfigur eine bestimmte Sache gar nicht erfährt, sondern ohne etwas Böses zu ahnen, den Park betritt und... Mir ist sogleich klar, für wieviel Spannung diese Variante sorgen wird, darum kann ich das Schreiben doch nicht auf den nächsten Morgen verschieben, sondern kehre auf der Stelle an den Computer zurück.
