Ilkka Remes über die Hintergründe seines Romans "Das Erbe des Bösen"
WISSENSCHAFT IM SCHATTEN DES HAKENKREUZES -
AUF DEN SPUREN VON ROLF UND INGRID NARVA
Mein Roman DAS ERBE DES BÖSEN ist zum größten Teil in der Gegenwart angesiedelt,
aber wichtige Passagen spielen im Deutschland der 30er und 40er Jahre.
Viele Schauplätze habe ich selbst besucht und intensiv aus dem Blickwinkel der Romanfiguren betrachtet -
sie haben tatsächlich an den Orten gelebt, an denen ich nur Gast war.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir mein Besuch an einem regnerischen Wintertag in der Ihnestraße
in Berlin-Dahlem, wo das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik beheimatet war.
Mehr über die Wurzeln der Eugenik in der Vereinigten Staaten und in Deutschland erfahren Sie hier.
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In DAS ERBE DES BÖSEN wird der Ort mit Rolfs Augen gesehen und folgendermaßen beschrieben:
Das dreistöckige Haus vor ihm sah genauso aus, wie er es in Erinnerung hatte. Nichts hatte sich verändert. Auch nicht die Flügeltür und das Bogenfenster darüber.
Nur war jetzt rechts neben der Tür eine Tafel mit dichter Beschriftung angebracht.
Rolf spürte, wie er beim Lesen anfing zu zittern.
In diesem Gebäude befand sich von 1927 bis 1945 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik. Die Direktoren Eugen Fischer und Otmar von Verschuer lieferten mit ihren Mitarbeitern wissenschaftliche Begründungen für die menschenverachtende Rassen- und Geburtenpolitik des NS-Staates.
Die Buchstaben waren gut lesbar. Sie waren aus Messing gegossen und für die Ewigkeit gedacht.
Die vom Reichsforschungsrat bewilligten und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Zwillingsforschungen des Schülers und persönlichen Mitarbeiters von Verschuer, Josef Mengele, im KZ Auschwitz wurden in diesem Gebäude geplant und durch Untersuchungen an Organen selektierter und ermordeter Häftlinge unterstützt ...
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In dem Gebäude, das zum Teil von der Rockefeller-Stiftung finanziert wurde, sind heute Abteilungen des Instituts für Politologie der Freien Universität Berlin untergebracht. Ohne die Kopiergeräte und die Poster mit der Werbung für das WLAN-Netz auf dem Campus würde nichts darauf hindeuten, dass man sich im 21. Jahrhundert befindet und nicht in der Zeit um 1940. Mit nahezu gespenstischer Genauigkeit konnte ich mir vorstellen, wie die junge Ingrid über die Flure des Gebäudes ging.
Viele der heutigen Studenten würden wohl kaum etwas über die Geschichte des Hauses wissen, wäre nicht neben dem Haupteingang eine Informationstafel angebracht worden.
Etwas über die wirklichen Mitarbeiter des Institutes erfahren sie hier.
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In der Boltzmannstraße, nur wenige hundert Meter entfernt, befand sich seit 1937 die Abteilung für Physik des Kaiser-Wilhelm-Instituts.
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Bewegt betrachtete Rolf das braune, dreistöckige Gebäude mit dem vertrauten Zwiebelturm. Durch die Tür unter dem Turm waren damals so viele junge Menschen gegangen, voller Energie und jugendlichem Tatendrang, das ganze Leben noch vor sich.
Er hatte das Gebäude brandneu in Erinnerung - inzwischen bröckelte der Putz von den Wänden. An der Tür stand "Max-Planck-Institut". Auf der Rückseite ragte noch immer der sogenannte "Turm der Blitze" auf, in dem der damals hypermoderne, zum Teilchenbeschleuniger ausgebaute Hochspannungsgenerator für kernphysikalische Elemente untergebracht war.
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In Dahlem wurde die Kernphysik erforscht, aber mit ihren praktischen Anwendungen beschäftigte man sich anderswo, u. a. in Gottow/Kummersdorf, gut sechzig Kilometer südlich von Berlin.
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Auf dem Gelände eines alten Schießstandes des Heeres wurde unter der Leitung von Dr. Diebner eine Einrichtung aufgebaut, deren Ziel darin bestand, einen funktionierenden Atomreaktor zu konstruieren.
Rolf Narva, eine der Hauptfiguren des Romans, hat während des Krieges in Kummersdorf gearbeitet und kehrt als alter Mann dorthin zurück. Steht man heute zwischen den trostlosen, verlassenen Gebäuden, kann man sich vollkommen in Rolfs Situation hineinversetzen, wenn er vor Ort an die Vergangenheit zurückdenkt.
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Zu DDR-Zeiten wurden in Kummersdorf weiterhin militärtechnische Untersuchungen vorgenommen. Heute ist das Gelände stillgelegt.
Näheres über das NS-deutsche Uranprogramm erfahren Sie hier.
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Die Deutschen hatten die Absicht, eine Atomwaffe zu bauen, und es war geplant, sie mittels einer Rakete ans Ziel zu bringen. Aus diesem Grund hat Rolf der riesigen unterirdischen Produktionsstätte Mittelwerk GmbH bei Nordhausen einen Besuch abgestattet, wo u. a. V2-Raketen hergestellt wurden. Häftlinge aus dem Konzentrationslager Mittelbau-Dora wurden zur Arbeit in den Stollen gezwungen.
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Der Anblick der Überreste des Mittelwerks samt des Lagerkomplexes Mittelbau-Dora ist aufwühlend und bewegend. Auf den ersten Blick entdeckt man in der schönen, stillen Landschaft des Unterharz nicht viele Hinweise auf die Schrecken der Vergangenheit. Die Baracken des Konzentrationslagers hat man gleich nach dem Krieg zu Brennholz gemacht, und die Russen hatten durch Sprengungen dafür gesorgt, dass die Eingänge zu den unterirdischen Stollen verschüttet wurden.
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Tief im Wald erinnert noch das Krematorium an die Grausamkeiten der Kriegszeit. Beim Ausbau der Stollen und während der eigentlichen Produktion kamen in Mittelbau-Dora 20 000 - 30 000 Zwangsarbeiter ums Leben.
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In den 1990er Jahren wurde ein neuer Zugang gegraben, und ein Teil der alten Stollen wurde restauriert. Es ist frappierend, die unterirdischen Hallen zu sehen. Und es ist schmerzlich, sich vorzustellen, was für ein Leben die Häftlinge in dieser unterirdischen Hölle führen mussten.
Bei der Vorstellung hilft das 2003 eröffnete Lern- und Dokumentationszentrum, das den Alltag im Lager und in der Produktionsstätte veranschaulicht.
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Ich habe große Achtung vor der Arbeit, die das Bundesland Thüringen, vor allem aber die freiwilligen aus der unmittelbaren Umgebung dafür leisten, dass künftige Generationen sehen und nicht vergessen, wohin ein totalitäres Regime führen kann - überall auf der Welt.
Die im Mittelwerk hergestellten Raketen und ihre Konstrukteure lebten in den Vereinigten Staaten weiter, wo sich unter der Federführung der Deutschen aus der V2 nach und nach die Saturn-Trägerrakete entwickelte, die bei den Flügen zum Mond eingesetzt wurde.
(Über die Raketenfertigung unter der Erde und über die Fortsetzung der Entwicklungsarbeit in den Vereinigten Staaten können Sie hier mehr lesen.)
Ich ging ins Deutsche Museum in München, um mir eine V2-Rakete anzuschauen. Man zuckt unwillkürlich zusammen beim Anblick des fünfzehn Meter langen Riesen, wenn man weiß, unter welchen Umständen die Flugkörper hergestellt wurden.
Im Deutschen Museum wird die Rakete als technische Errungenschaft präsentiert und nichts weiter über die Umstände der Produktion erklärt. Wer aber Mittelbau-Dora kennt, für den stellt die Rakete immer auch etwas anderes dar als das Zeugnis hoher Ingenieurskunst.
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