Ilkka Remes über die Hintergründe seines Romans "Das Erbe des Bösen"

DIE AUGEN VON AUSCHWITZ

Als ich den Roman schrieb, diente mir eine junge Wissenschaftlerin namens Karin Magnussen als eine Vorlage für eine der Romanfiguren. Sie arbeitete in Berlin-Dahlem am Kaiser-Wilhelm-Institut, in der Abteilung für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik.

Leiter der Abteilung und Vorgesetzter Magnussens war bis 1942 Eugen Fischer. Sein Nachfolger hieß Otmar von Verschuer. Dieser Verschuer schrieb 1944 einen Brief an die Deutsche Forschungsgemeinschaft, in dem er bestätigte, dass sein ehemaliger Assistent Josef Mengele leitender SS-Arzt in Auschwitz sei, und dass mit Himmlers Erlaubnis Häftlinge unterschiedlichen rassischen Ursprungs zu "anthropologischen Forschungen" herangezogen würden.

Von Verschuer war Antisemit. Als Leiter des Instituts in Dahlem sagte er: "Es ist wichtig, dass unsere Rassenpolitik - auch in der Judenfrage - einen objektiven, wissenschaftlichen Hintergrund erhält, der auch in weiteren Kreisen Anerkennung findet."

Otmar von Verschuer
Otmar von Verschuer war seit
den 1920er Jahren auf die
Zwillingsforschung spezialisiert.

Karin Magnussen untersuchte den Erbgang der Augenfarbe mit Hilfe von Kaninchen. Im Sommer und Herbst 1944 stellte Mengele dem Dahlemer Institut auch Organe von Menschen zur Verfügung: Menschen, die man in Auschwitz zu Forschungszwecken umgebracht hatte.

Nach dem Krieg gab sich Otmar von Verschuer Mühe, zu beteuern, er sei immer gegen die Beurteilung von Menschen nach der Rasse gewesen. In einem Brief an Otto Hahn berichtet er 1946, wie Josef Mengele "mein ehemaliger Assistent vom Institut in Frankfurt, gegen seinen Willen nach Auschwitz geschickt wurde. (...) Von seiner Arbeit dort weiß man nur, dass er versuchte, Arzt zu sein und den Kranken eine helfende Hand."

Josef Mengele
Josef Mengele

Im März 1946 wurde von Verschuer als Mitläufer eingestuft. Seine Strafe:600 Mark.

In den 50er und 60er Jahren unterrichtete von Verschuer am Institut für Genetik der Universität Münster den wissenschaftlichen Nachwuchs. Starke Unterstützung erhielt er u. a. vom Atomministerium der Bundesrepublik Deutschland. Von Verschuer kam 1969 bei einem Autounfall ums Leben.

Zwei Kisten aus dem Dahlemer Institut blieben in Karin Magnussens Besitz. Die eine enthielt Manuskripte, Fotografien von Augen, ein Mikroskop, eine Kamera der Marke Leica sowie einen Irisreflektor, ein Gerät, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert hatte. Die andere Kiste enthielt Präparate, die Augen entnommen worden waren sowie ganze Augen in Formalinlösung.

Bei ihrem Umzug von Berlin in ihre Heimatstadt Bremen nahm Magnussen zwei Kaninchen mit besonderer Erbsubstanz mit. In Bremen begann sie unter Mithilfe von Professor Danneel mit der Kaninchenzucht und versuchte z. B. mit Adrenalin und Atropin auf die Pigmentierung der Iris im Auge der Kaninchenjungen einzuwirken. Außerdem nahm sie Hormonexperimente vor.

Eugen Fischer, ihr früherer Vorgesetzter am Dahlemer Institut, war erfreut darüber, dass Karin Magnussen ihre Arbeit fortsetzte. "Auch für solche Forschungen werden wieder bessere Zeiten kommen", schrieb Fischer an seine ehemalige Mitarbeiterin.

Die Dahlemer Forschungsgruppe traf sich auch später noch, und die Mitglieder hielten untereinander Briefkontakt.

Karin Magnussen war als Biologielehrerin in Bremen tätig. 1952 schrieb sie an Fischer: "Das Problem der Genlokalisation ist noch immer nicht gelöst. Unser einziges Hasenweibchen hat endlich Junge bekommen, aber es waren nur zwei ..."

Im Jahr 1970 wurde Magnussen pensioniert. Und sie erhielt nicht nur für ihre Arbeit als Lehrerin eine Pension, sondern auch für ihre Jahre in Dahlem. 1980 übergab sie ihre Studie, die nie veröffentlich worden ist, an die Augenklinik der Universität Münster.
In einem Interview, das sie 1983 gab, weigerte sich Karin Magnussen, Josef Mengele "auf Grund von Gerüchten" als Unmensch zu bezeichnen.
Sie starb 1997 in Bremen.

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