Ilkka Remes über die Hintergründe seines Romans "Das Erbe des Bösen"
DACHAU UND DIE LUFTFAHRTMEDIZIN
Im Jahr 1939 veröffentlichten Siegfried Ruff und Hubertus Strughold das Buch Grundriss der Luftfahrtmedizin
ÜBER DIE Anpassung des menschlichen Organismus an die Umstände des Fliegens.
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Im Mai 1941 bat Dr. Sigmund Rascher brieflich um die Erlaubnis, mit KZ-Häftlingen Höhenversuche vornehmen zu dürfen, da für solche lebensgefährlichen Experimente keine Freiwilligen zu bekommen waren. Heinrich Himmler erteilte die Genehmigung, zweihundert Häftlinge aus Dachau als Versuchspersonen heranzuziehen.
Ruff war an den Vorbereitungen der Experimente beteiligt und ließ eine Unterdruckkammer in einem Fahrzeuganhänger anfertigen. Motoren saugten die Luft aus der Kammer, und man konnte Flughöhen bis zu 21 Kilometern simulieren.
![]() In Ruffs und Strugholds Buch wird die von Ruff entworfene mobile Unterdruckkammer gezeigt. Sie wurde ins Konzentrationslager Dachau gebracht, wo Häftlinge gezwungen wurden, als Probanden an Experimenten teilzunehmen. |
1944 publizierten Ruff und Strughold eine Neuauflage ihres Buchs. Im Vorwort schildern sie, wie kolossal sich die Luftfahrt während des Krieges entwickelt habe und welche Herausforderungen die neuen Fluggeschwindigkeiten, Flughöhen und Tragweiten für die Luftfahrtmedizin mit sich brachten - und sie illustrierten dies mit EKG-Kurven,Pulsfrequenztabellen und schockierenden Fotos, z. B. dem Gesicht eines Menschen, der ungeschützt dem Luftstrom bei 500 Stundenkilometern ausgesetzt ist.
![]() Im Buch von Ruff und Strughold wird ausführlich die Höhenverträglichkeit des Menschen behandelt. |
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![]() Handschriftprobe, angefertigt in über 10 000 Metern Höhe. |
Bei den in Dachau durchgeführten luftfahrtmedizinischen Experimenten über die Grenzen der menschlichen Belastbarkeit wurden vorsätzlich 70-80 Häftlinge getötet. Ruff machte seine Versuche z. B. im Hinblick auf die Entwicklung von Schleudersitzen. Seine Unterschrift findet sich unter Berichten, in denen detailliert beschrieben wird, was geschieht, wenn ein Mensch ohne Sauerstoffgerät mit dem Fallschirm aus 14 300 Metern abspringt. Die Versuchsperson wurde zunächst mit Sauerstoffmaske in die Unterdruckkammer gesperrt, dann wurde der Druck gemäß der Flughöhe eingestellt. Ruff beschreibt die Reaktion der Versuchsperson nach dem Entfernen der Sauerstoffmaske. Das Experiment wurde auch filmisch dokumentiert.
1947 wurden bei den Nürnberger Prozessen zwölf Männer wegen Menschenversuchen in Dachau angeklagt, darunter Siegfried Ruff. Er gab zu, an Höhenexperimenten beteiligt gewesen zu sein, behauptete aber, die Probanden seien Freiwillige gewesen.
Zwei der Angeklagten wurden verurteilt. Ruff wurde freigesprochen.
![]() Ruff (hintere Reihe links) als Angeklagter bei den Nürnberger Prozessen. |
Nach dem Krieg war Ruff bis 1965 als leitender Arzt bei der Lufthansa, als Dozent der Universität Bonn sowie als Leiter des neuen Luftfahrtmedizinischen Instituts tätig. Als Berater war er am Aufbau der Bundesdeutschen Luftwaffe beteiligt. 1954 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt. Die Deutsche luftfahrt- und weltraummedizinische Gesellschaft verlieh ihm 1978 den Hubertus-Strughold-Preis.
Ruffs Kollege und Vorgesetzter, der für die Versuche verantwortliche Leiter des Luftfahrtmedizinischen Instituts der Luftwaffe, Hubertus Strughold, war nach Kriegsende weder festgenommen noch verhört noch als Zeuge nach Nürnberg geladen worden, obwohl es möglich gewesen wäre, Beweise gegen ihn zu finden.
In Nürnberg standen nur Kollegen und Mitarbeiter von Strughold vor Gericht, denn die US-Armee schützte Strughold, der 1947 bereits in den Vereinigten Staaten seine Forschungen fortsetzte. Man ernannte ihn zum Leiter der neu gegründeten luftfahrtmedizinischen Schule der US-Luftwaffe in San Antonio, Texas. Zwei Jahre später wurde eine eigene weltraummedizinische Abteilung etabliert und Strughold wurde deren Chef.
Später arbeitete Strughold eng mit Wernher von Braun zusammen. Ihre gemeinsame Herausforderung bestand darin, den Menschen sicher ins All zu bringen. Das Weltraumprogramm war ein Wettlauf mit dem Erzfeind Sowjetunion und Strugholds wissenschaftlicher Beitrag wurde auch in politischen Kreisen gewürdigt. Senator Lyndon B. Johnson tat alles, damit die USA den Vorsprung der Sowjetunion bei der Eroberung des Weltraums wettmachte.
Strugholds Arbeit war wesentlicher Bestandteil des Apollo-Programms der NASA. Unter anderem war er an der Konstruktion der Mondlandefähre und der Druckanzüge der Astronauten beteiligt. Zum Zeitpunkt des ersten Flugs zum Mond war Strughold bereits ein Jahr im Ruhestand. Er sandte ein Glückwunschschreiben an seinen alten Freund Lyndon B. Johnson, den damaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten.
Im dem Brief vom 22.8.1969 schreibt Strughold: "Es war ein Privileg für mich, während des Mondfluges täglich im Kontrollzentrum in Houston den Herzschlag und die Schweißproduktion der Astronauten kontrollieren zu dürfen. Es war der Höhepunkt meiner beruflichen Laufbahn."
Strughold genoss allgemein große Anerkennung. Man kannte ihn unter dem Ehrentitel "Vater der amerikanischen Luftfahrtmedizin". 1977 wurde in Texas die weltraummedizinische Bibliothek der US-Luftwaffe nach ihm benannt. Ein Jahr später fand sein Name Eingang in die International Space Hall of Fame in New Mexico. Aber auch die alte Heimat würdigte Strughold, indem sie ihm 1983 das Bundesverdienstkreuz verlieh.
Hubertus Strughold starb 1986. Über all die Jahrzehnte hinweg war seine Verbindung zu den Menschenversuchen in Dachau bekannt gewesen. 1995 entfernte man auf Initiative des Jüdischen Weltkongresses seinen Namen aus der luftfahrtmedizinischen Bibliothek. Und nachdem sich ein Besucher über die Präsenz eines ehemaligen Nazi-Wissenschaftlers beschwert hatte, entfernte man Strugholds Namen auch aus der International Space Hall of Fame.
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