Ilkka Remes über die Hintergründe seines Romans "Das Erbe des Bösen"
HITLERS ATOMBOMBENPROGRAMM
Die Kernreaktion wurde in Deutschland entdeckt. Das Land verfügte über kompetente Atomphysiker,
technisches Wissen, unendlich viele Zwangsarbeiter und die nötigen Rohstoffe. Und es hatte den Willen,
eine Atombombe zu bauen.
Wie weit kamen die Deutschen bei der Entwicklung der Bombe?
Je mehr ich der Sache nachging, umso unschärfer wurde das Bild. Die Ruinen der Versuchsreaktoren
in Gottow und Haigerloch können von jedermann besichtigt werden. Einen Reaktor zu bauen, der richtig
funktionierte, war nicht gelungen, aber für den Bau einer Uranbombe war das auch gar nicht notwendig.
Über die baulichen und theoretischen Anforderungen bestand in Deutschland durchaus Klarheit.
![]() Der Versuchsreaktor von Diebners Forschungsgruppe im Frühjahr 1943 in Gottow. Uranmetallwürfel sind in geeistes schweres Wasser getaucht worden. |
Es ist evident, dass Amerikaner und Briten nach dem Krieg ein bewusst unvollständiges Bild vom Atomprogramm der Nazis vermitteln wollten. Den in Deutschland vorrückenden Truppen der Alliierten folgten im Zuge einer Operation namens Alsos unmittelbar Physiker, die alles, was mit der Atomforschung der Deutschen zu tun hatte, jede Studie, jedes Material und jeden Apparat, an sich nahmen. Vor allem aber wollten sie die Wissenschaftler haben, damit diese nicht in der Sowjetunion landeten.
![]() Britische und amerikanische Alsos-Offiziere demontieren im April 1945 Heisenbergs letzten Versuchsreaktor in Haigerloch. |
Die zehn deutschen Atomforscher, die man für die wichtigsten hielt, wurden von Mai bis Dezember 1945 in Farm Hall in der Nähe von Cambridge interniert. Für die zentrale Figur hielt man damals Werner Heisenberg. Dennoch gelangte zum Beispiel ein Mann wie Manfred von Ardenne, der Erfindungen für die Anreicherung von Uran gemacht hatte, in die Sowjetunion und entwickelte dort sehr erfolgreich ein Atomprogramm.
Kurt Diebner, ein praktischer Physiker, der unabhängig von Heisenberg ein Uranprogramm geleitet hatte, hegte in Farm Hall den Verdacht, die Engländer könnten ihre Gespräche heimlich aufzeichnen.
Diebner: "Ob hier Mikrofone installiert sind?"
Heisenberg: "Mikrofone installiert? (Lacht.) So schlau werden sie kaum sein. Ich glaube nicht, dass sie mit den echten Gestapo-Methoden vertraut sind. In dieser Hinsicht sind sie etwas altmodisch."
Diebners Sorge war freilich berechtigt, denn der britische Geheimdienst nahm tatsächlich die Gespräche der Wissenschaftler auf. Diebner und einige seiner Kollegen hielten sich bei dem, was sie sagten, auffällig zurück. Es ist erstaunlich, wie lange die Inhalte der Gespräche von Farm Hall geheim gehalten wurden. Erst 1992 veröffentlichte Großbritannien die Mitschnitte. Es gibt Leute, die meinen, die Deutschen hätten zum Beispiel nicht die Bedeutung von Plutonium als Rohstoff für eine Bombe erkannt. Vor einigen Jahren tauchten in russischen Archiven allerdings Dokumente der physikalischen Abteilung des Kaiser-Wilhelm-Instituts auf, unter denen sich auch zwei Entwürfe zu Patentanträgen von Heisenbergs jungem Forscherkollegen Carl Friedrich von Weizsäcker befanden. Mit diesen Dokumenten aus dem Jahr 1941 sollte eindeutig das Patent für eine Plutonium-Bombe beantragt werden.
Von Brauns Mannschaft plante in Peenemünde die Zweistufenrakete A9/19 mit einer Tragweite von 4100 Kilometern. Diese Interkontinentalrakete, mit der ein Angriff auf die amerikanische Ostküste möglich gewesen wäre, sollte mit einer Atombombe ausgerüstet werden.
Dr. Diebner war nach dem Krieg als Berater in der Kernenergiebranche tätig und stellte Mitte der 50er Jahre Patentanträge für Erfindungen im Bereich der Reaktortechnik, des Plutoniums, aber auch mit einer thermonuklearen Bombe im Miniaturformat.
Download Hintergrundmaterial (PDF 2,64 MB)
nach oben


